Worin geht es eigentlich in den Filmen, die Millionen Menschen besonders gerne sehen oder in den Büchern, die wir verschlingen?

Es geht in den meisten Fällen um den ewigen Kampfe zwischen Gut und Böse:

Das Böse wird einfach nur “fies” und “gemein” dargestellt und das “Gute” ist nett, lieb und natürlich erst mal das Opfer vom Bösen.

Und ganz gleich, wie einfach gestrickt die beiden Seiten im Film oder im Buch dargestellt werden – irgendetwas in uns ergreift sofort Partei und stellt sich auf die Seite des Guten.

Schon als Kind zitterte ich mit dem Rotkäppchen mit, als es dem bösen Wolf begegnete, wollte ich Hänsel und Gretel warnen nicht vom Lebkuchenhaus zu essen oder rief voll Inbrunst den Kasperle zu: “Kasper pass auf! Das Krokodil kommt”.

Heute bewundern wir natürlich die liebenwürdige Dame aus Cornwall, die unschuldig um ihr Erbe gebracht werden soll oder den coolen Helden, der aus jeder Katastrophe noch gestärkter hervorgeht oder die Welt vor dem Verderben gerettet hat.  

In diesen Geschichten identifizieren wir uns immer mit den Guten, fühlen uns ganz plötzlich selber bedroht und atmen erst wieder auf, wenn in letzter Minute die Liebe des Landarztes errungen wird – oder der Widersacher von der Polizei erschossen wurde. Der Film ist zu Ende, das Gute hat mal wieder gesiegt – ja so müssen die Dinge laufen!

Was sind das für heftige Instinkte in uns? Woher kommt unsere Lust, das “Böse” platt zu machen und uns nur zu gern auf die Seite der “Guten” zu stellen?

Das geht wirklich bis in die Urzeit zurück. Die instinktiven Fähigkeiten des Urmenschen zu überleben, seine Interessen zu verteidigen und gegen Feinde zu kämpfen wurden größtenteils vom sogenannten Ur-Gehirn, auch Reptilienhirn oder dem Hirnstamm genannt – regiert. Das Ur-Hirn hat sich vor 500 Millionen Jahren entwickelt und ist uns bis heute erhalten geblieben. Es beeinflusst alle lebenswichtigen Bereiche wie Atmung, Herzschlag und Verdauung und versetzt uns auch heute noch in die Lage, uns bei Lebensgefahr zu wehren, in dem es eine von drei Möglichkeiten aktiviert:

  • kämpfen
  • fliehen oder
  • totstellen.

Da die Menschen damals noch keine entwickelten Neokortex hatten, der unter anderem für die Selbstreflektion und Konzepte wie Ethik und Moral zuständig ist, gab es auch noch kein “gut” oder “böse”. Alles geschah einfach, instinktiv, reflexhaft und die Natur nahm einfach ihren Lauf.

Auch heute nimmt die Natur ihren Lauf, nur wir Menschen haben uns irgendwie verändert. Doch für unser Reptiliengehirn geht es genau wie damals um Leben und Sterben, Kampf und Sieg… Es müssen ja keine Bisons sein, ihm reicht auch das Gedränge an der Supermarktkasse oder die Vorstellung in der Firma von lauter Idioten umgeben zu sein, um uns kampfbereit zu machen. Und so ärgern oder fürchten wir uns, ergreifen Partei, der Blutdruck steigt, der Adrenalinspiegel auch, und wir überschütten Fremde mit Hasstiraden.

Später wundern wir uns, was uns zu diesen überzogenen Reaktionen gebracht hat. Vielleicht schämen wir uns, haben ein schlechtes Gewissen und kommen uns “böse” vor. Denn anders als die Urzeitmenschen haben wir heute die Fähigkeit, uns selbst und unsere Handlungen zu reflektieren und als “gut” oder “böse” zu beurteilen.

Wann beginnt das Drama von “gut” und “böse” im Menschen?

Das Kind, das auch nach der Geburt noch in einer Einheit mit der Mutter lebt, beginnt sich nach und nach als ein eigenes Wesen zu erleben. Bald gibt es hier ein Ich und dort ein Du, hier den Hunger und dort die Flasche, hier die Einsamkeit und dort die Mutter, die nicht kommt, obwohl sich das Kind die Seele aus dem Leib schreit. Aus Einheit ist Dualität geworden: Hell und Dunkel, Schön und Hässlich, Gut und Böse.

Und nur wenn alles zwei Seiten hat, können wir beginnen, die eine Seite vorzuziehen und die andere abzulehnen.

Als kleine Kinder haben wir das tiefe Bedürfnis, “gut” zu sein und dafür geliebt zu werden. Unsere Versorger haben die Macht, uns körperlich oder emotional verhungern zu lassen, und wir tun alles, um sie uns gewogen zu machen.

So passen sich kleine Kinder an, so gut sie können und verlieren ihre Unschuld dabei. Sie lernen sich zu verbiegen und zu lächeln, wenn ihnen eigentlich zum Weinen ist. Sie lernen zu schweigen, wenn sie eigentlich schreien wollen. Sie lernen ihre Impulse zu unterdrücken, um nicht bestraft zu werden. Sie lernen zu lügen und zu petzen: ” Ich war das nicht, der Elias ist das gewesen!”.

So ähnlich haben wir alle nach und nach vergessen, was wir wirklich fühlen und wissen nicht mehr, was wir wirklich wollen. Stattdessen tun wir alles, um in einer Welt von “gut” und “böse” nur ja immer zu den “Guten” zu gehören. Das, was uns “nicht gut” oder “böse” erscheint, versenken wir tief in unser Wesen, bis wir schließlich gar nicht mehr wissen, dass es zu uns gehört. Da aber im Universum unserer Seele nichts verschwindet, bahnt sich das “Böse” irgendwann seinen Weg an die Oberfläche, landet in unserer Vorstellungswelt, und wir beginnen, es den Anderen zuzuschreiben:

Den Reichen, den Nachbarn, den Kollegen… Kurz: wir projizieren das Böse auf die Aussenwelt und waschen unsere Hände in Unschuld ( “Ich war das nicht, der Elias ist das gewesen!”).

Akzeptiere auch das Böse

Wer sich eindeutig auf der Seite der “Guten” fühlt, der kennt keine Bedenken. Das urzeitliche Hirn und unsere kindlichen Konditionierungen haben uns fest im Griff. Wir schalten automatischen auf “verdrängen”, vergeuden keine Zeit mit tieferen Reflektionen und fühlen uns frei von Schuld und Scham. Die “Bösen” das sind ja die anderen und die sollten sich sowieso schämen!

Und weil sie das anscheinend nicht tun, dürfen wir sie ordentlich kritisieren und uns über sie ärgern. Das wir erwachsene, verantwortliche und “gute” Menschen sind, wird natürlich nicht angezweifelt.

Der Rhythmus, nach dem dieser Walzer getanzt wird, heißt:

Anpassung (an die Eltern, die geltende Meinung, die Gesellschaft)

Verdrängung (aller dunklen Anteile in uns selbst)

Projektion (der dunklen Anteile auf die Anderen)

Gut und Böse sind nur ein Atemzug voneinander entfernt und sie leben in jedem von uns.

“Ach”, sagt das kluge innere Kind in uns, “dann geht es nur darum, sich immer wieder für das Gute zu entscheiden? Das tue ich doch die ganze Zeit!” Und schon offenbart sich das Dilemma in voller Größe. Geprägt vom Reptiliengehirn, unseren kindlichen Konditionierungen und unserem Drang, immer auf der Seite der “Guten” zu sein, kennen wir nur das Bestreben, jederzeit die richtige Wahl zu treffen. Wir jagen dem Guten hinterher, weil wir es nicht anders gelernt haben, und wollen das “Böse” loswerden. Das ist sogar auf dem spirituellen Weg nicht anders als überall sonst.

Grüß Dich, liebe Verdrängung und willkommen, liebe Projektion!

Wie wäre es, wenn wir akzeptieren, das wir weder gut noch böse, sondern gut UND böse sind.

Wir sind gutböse… und alle anderen auch. Das klingt banal, aber hier beginnt eine neue Welt, eine neue Sichtweise, eine völlig neue Art zu leben.

Ich habe diese Sichtweise zuerst in der systemischen Familientherapie kennen gelernt und sie hat mich damals sehr erleichtert.

Meine damalige Therapeutin suchte stets nach dem Guten bei den “Bösen” meiner Familie und entlastet die “Guten”, in dem sie auch deren Schatten aufzeigte. Was für eine Wohltat für mich! Hier hat meine Reife, meine Offenheit und mein Mitgefühl begonnen.

Ich lernte weiter zu gehen und mich mit dem “Gutböse” vertraut zu machen und diese neue Reise dauert bis heute an.

Wenn du auch dazu bereit bist und meine Unterstützung möchtest: Ich bin da.

Hier geht es zum kostenfreien Kennenlerngespräch:

Herzlichst

Ilona Steinert